Wahrer Wert
Eine Geschichte über Selbstwert, Selbstvertrauen und ein Leben nach den eigenen Werten
Eines Tages blieb ein Schüler nach dem Unterricht noch einen Moment bei seinem Lehrer.
„Darf ich Sie etwas fragen?“, sagte er leise. „Ich bekomme immer wieder verletzende Kommentare und Nachrichten. Andere sagen, ich könne nichts und sei nichts wert. Zuerst habe ich versucht, es zu ignorieren. Aber inzwischen höre ich diese Worte sogar in meinem Kopf, wenn niemand etwas sagt. Manchmal glaube ich sie fast.“
Der Lehrer legte zur Seite, was er gerade in den Händen hielt, und hörte ihm aufmerksam zu.
„Danke, dass du mir davon erzählst“, sagte er. „Was zu dir gesagt wird, ist nicht in Ordnung. Du musst das nicht allein lösen. Wir überlegen gemeinsam, was nötig ist, damit es aufhört.“
Nachdem sie besprochen hatten, was sie tun würden, zog der Lehrer einen goldenen Ring mit einem kleinen Stein von seinem Finger.
„Bevor du gehst, möchte ich dich noch um etwas bitten“, sagte er. „Mach ein Foto von diesem Ring und stelle es online. Frag die Leute, was sie dafür bezahlen würden. Du verkaufst ihn nicht – wir sammeln nur ihre Antworten.“
Der Schüler fand den Auftrag merkwürdig, war aber auch neugierig.
Schon bald trafen die ersten Reaktionen ein. Einer bot zwanzig Euro. Ein anderer wollte dreißig Euro bezahlen. Jemand schrieb, der Ring sehe alt und abgenutzt aus. Ein anderer bezweifelte, dass er überhaupt aus echtem Gold bestand.
Das höchste Angebot lag bei fünfzig Euro.
Am nächsten Tag zeigte der Schüler seinem Lehrer die Reaktionen.
„Die meisten Menschen halten den Ring offenbar nicht für besonders wertvoll“, sagte er.
Der Lehrer lächelte.
„Geh nun damit zum Juwelier in der Stadt. Bitte ihn, den Ring sorgfältig zu untersuchen. Aber ganz gleich, was er sagt: Du verkaufst ihn nicht.“
Der Juwelier betrachtete den Ring unter einer hellen Lampe. Er nahm eine Lupe, wog ihn und führte einige Prüfungen durch.
Nach einer Weile blickte er auf.
„Wenn ich ihn dir sofort abkaufen dürfte, würde ich dir zehntausend Euro bieten“, sagte er. „Vielleicht ist er sogar noch mehr wert.“
Der Schüler starrte ihn ungläubig an.
„Zehntausend Euro? Im Internet wollte niemand mehr als fünfzig Euro bezahlen!“
„Das überrascht mich nicht“, antwortete der Juwelier. „Diese Menschen haben nur ein Foto gesehen. Sie wussten nichts über das Gold, den Stein, die Herkunft oder die Verarbeitung des Rings. Trotzdem haben sie sich ein Urteil gebildet.“
Der Schüler bedankte sich und rannte zurück zur Schule.
„Der Juwelier sagt, der Ring sei zehntausend Euro wert!“, rief er seinem Lehrer zu. „Vielleicht sogar noch mehr!“
Der Lehrer nickte.
„Siehst du? Du bist wie dieser Ring: wertvoll und einzigartig. Aber nicht jeder, der dich ansieht, erkennt, was wirklich in dir steckt. Warum solltest du Menschen, die dich kaum kennen, darüber bestimmen lassen, was du wert bist?“
Der Schüler betrachtete den Ring in seiner Hand.
„Aber der Juwelier wusste es doch?“
„Bei einem Ring kann ein Fachmann untersuchen, wie viel er kostet“, antwortete der Lehrer. „Aber du bist kein Gegenstand. Es gibt keinen Juwelier, der dir einen Preis geben kann. Auch ein Mensch, der dich gut kennt, kann nicht für dich bestimmen, wer du bist.“
„Wer bestimmt das dann?“, fragte der Schüler.
Der Lehrer schob ihm ein leeres Blatt Papier hin.
„Vielleicht kannst du mit einer anderen Frage beginnen“, sagte er. „Nicht: Was denken andere über mich? Sondern: Was ist mir selbst wichtig und wofür möchte ich stehen?“
Eine Weile blieb es still.
Dann nahm der Schüler einen Stift.
Die verletzenden Worte waren nicht verschwunden. Sie taten auch nicht sofort weniger weh. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit richtete er seine Aufmerksamkeit nicht auf das, was andere über ihn geschrieben hatten.
Er blickte auf das leere Blatt vor sich und begann, seine eigene Geschichte zu schreiben.
Zum Nachdenken
Andere Menschen bilden sich manchmal sehr schnell eine Meinung. Sie sehen eine Eigenschaft, einen Fehler, ein Foto oder einen einzigen Moment und glauben, dadurch zu wissen, wer jemand ist.
Der Ring blieb jedoch derselbe Ring – ganz gleich, ob jemand zwanzig oder zehntausend Euro dafür bot. Nur das Urteil der Menschen war verschieden.
Ein Mensch ist kein Gegenstand und hat keinen Preis. Gleichzeitig besitzt jeder Mensch eigene Werte: Dinge, die ihm wichtig sind und seinem Verhalten eine Richtung geben können.
Du kannst nicht bestimmen, was andere über dich denken. Du kannst aber entscheiden, wie viel Raum du ihrem Urteil gibst und wofür du selbst stehen möchtest.
- Warum begannen die verletzenden Worte im Kopf des Schülers weiterzuklingen?
- Warum unterschieden sich die Angebote im Internet so stark von der Einschätzung des Juweliers?
- Was ist dir selbst wichtig und wofür möchtest du stehen?
Einsatz im Unterricht
Die Geschichte eignet sich für die Grundschule ab Klasse 5 und für die Sekundarstufe I. Sie kann in Klassenstunden, im sozialen Lernen, im Ethikunterricht, im Deutschunterricht oder als Gesprächsimpuls zu Selbstwert, Gruppendruck und sozialen Medien eingesetzt werden.
Vorlesezeit: ca. 5 Minuten
Themen: Selbstwert · Selbstvertrauen · eigene Werte · Gruppendruck · soziale Medien · persönliche Entwicklung
Schülerinnen und Schüler müssen dabei keine persönlichen Erfahrungen erzählen. Die Fragen können auch aus der Sicht des Schülers in der Geschichte besprochen werden.
Kostenlos für den Unterricht
Lesen Sie die Geschichte Ihrer Klasse vor und nutzen Sie anschließend den Denkanstoß und die Gesprächsfragen für ein gemeinsames Gespräch über Selbstwert, Urteile und persönliche Werte.
Die PDF enthält die vollständige Geschichte, einen Denkanstoß, Gesprächsfragen und eine kurze Anregung für die Lehrkraft.
Passende Materialien zu „Wahrer Wert“
Möchten Sie die Geschichte im Unterricht vorlesen, sichtbar machen und später erneut aufgreifen?
Das Geschichtenposter „Wahrer Wert“ verbindet die Illustration und die vollständige Geschichte auf einem einseitigen A3-Poster. Zusätzlich ist eine PNG-Datei für die digitale Tafel enthalten.
So kann die Geschichte gemeinsam gelesen, besprochen und anschließend im Klassenraum, in einem Flur oder in einem Raum für Beratung und soziale Arbeit aufgehängt werden.